[Philippine corruption] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #1/128
Vorwort
von Amal Clooney
Wenn Sie an einen Superhelden denken, stellen Sie sich möglicherweise etwas anderes vor als eine 1,58 Meter kleine Frau mit einem Bleistift in der Hand. Heute jedoch brauchen Journalisten in autoritären Ländern tatsächlich Superkräfte. Tagtäglich setzen sie ihren Ruf, ihre Freiheit und – in manchen Ländern – ihr Leben aufs Spiel. Und Maria Ressa ist eine von ihnen.
Zu behaupten, Maria würde ihren Kampf allen Widrigkeiten zum Trotz führen, wäre untertrieben. In einer Autokratie ist der Gegner des Journalisten der Staat – er bestimmt Politik und Gesetze, er lenkt die Polizei, er heuert die Staatsanwälte an und hält die Gefängnisse bereit. Er verfügt über eine ganze Armee von im Netz aktiven Bots, die jeden verteufeln und sabotieren, den die Obrigkeit als Widersacher wahrnimmt. Er hat die Macht, Radiosender und Webseiten dichtzumachen. Und vor allem: Er muss den Informationsfluss bestimmen, um zu überleben. Seine Existenz hängt davon ab, dass jede Geschichte immer nur eine Seite hat.
Ein berühmter Philosoph sagte einmal, die größte Tyrannei sei diejenige, die unter dem Deckmantel des Rechts und im Namen der Gerechtigkeit verübt wird. Doch unter Präsident Duterte zögerte die philippinische Regierung nicht, mit juristischen Mitteln gegen jeden vorzugehen, der oder die als Gegner wahrgenommen wird. Die Behörden entzogen Maria die Medienlizenz und überzogen sie mit Zivilklagen, die sie in den Bankrott treiben können. Sie sieht sich mit einer Flut frei erfundener Anklagen konfrontiert, die sie für den Rest ihres Lebens hinter Gitter bringen könnten.
Und das alles nicht etwa, weil sie ein Verbrechen begangen hätte – die Führer ihres Landes wollen einfach keine Kritik hören. Sie hat also die Wahl: Entweder sie fügt sich der Regierung und lebt in Sicherheit oder sie riskiert alles und macht ihre Arbeit. Sie hat nicht gezögert, sich für letzteres zu entscheiden. Und ich weiß, dass sie niemals aufgeben wird.
In der Geschichte waren einige der wichtigsten Stimmen der Gesellschaft immer wieder staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Gandhi, Mandela und Martin Luther King wurden alle vor Gericht gestellt, weil sie Kritik an ihren jeweiligen Regierungen geübt hatten. Bei seinem Prozess wegen Aufwiegelung der Bevölkerung in Indien sagte Gandhi dem Richter, er erwarte keine Gnade dafür, sich einer Regierung entgegenzustellen, die die Menschenrechte mit Füßen tritt: »Ich stehe hier und erwarte mit Freuden die höchste Strafe, die mir auferlegt werden kann«, denn »die Nicht-Kooperation mit dem Bösen ist ebenso eine Pflicht wie die Kooperation mit dem Guten«. Seine Worte brachten ihn für zwei Jahre ins Gefängnis. Aber er machte aus Indien eine gerechtere Gesellschaft. Mandela wurde verhaftet, weil seine Ansichten und Überzeugungen der Regierung missfielen: Der Vorwurf lautete auf Hochverrat, und er saß deswegen siebenundzwanzig Jahre im Gefängnis. Aber er war es, der das Übel der Apartheid zu Fall brachte.
Maria ficht einen Kampf aus, der unsere Epoche definiert. Daten aus den letzten Jahren zeigen, dass weltweit mehr Journalistinnen und Journalisten ins Gefängnis geworfen und umgebracht werden als je zuvor seit der Erfassung solcher Daten. Und wir haben heute mehr Autokratien als Demokratien auf der Welt.
Genau deshalb weigert sich Maria, ihr Land zu verlassen; und sie ist entschlossen, sich gegen die Anschuldigungen zu wehren. Sie weiß, dass eine unabhängige Stimme wie die ihre immer wertvoll ist, jedoch unentbehrlich wird, wenn andere schweigen. Sie ist eine Stütze für jeden, der es wagt, den Mund aufzumachen. Denn wenn Maria, eine US-amerikanische Staatsbürgerin und Trägerin des Friedensnobelpreises, dafür eingesperrt werden kann, dass sie ihre Arbeit macht, welche Chance bleibt dann noch den anderen?
Autokratische Führer werden oft als der »starke Mann« tituliert und dargestellt. Welche Ironie, wo sie doch in Wirklichkeit zu schwach sind, um Widerspruch zu ertragen oder auch nur bereit wären, mit fairen Mitteln zu kämpfen! Wir sollten die Größe und Stärke derjenigen rühmen, die sich ihnen entgegenstellen – und manche von ihnen sind gerade mal 1,58 Meter groß.
Elie Wiesel warnte uns, es könnte Zeiten geben, in denen wir nicht die Macht haben, Ungerechtigkeit zu verhindern, aber es darf niemals eine Zeit geben, in der wir aufhören, dagegen zu protestieren. Marias Vermächtnis wird viele Generationen prägen – weil sie niemals versäumte, ihre Stimme des Protests zu erheben und zu versuchen, den Lauf der Geschichte in Richtung der Gerechtigkeit zu wenden. Und junge Philippiner und Philippinerinnen, die Geschichte studieren, werden erkennen, dass die erste Person aus ihrem Land, die jemals mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, eine mutige Journalistin war, unbeirrt und entschlossen, die Wahrheit auszusprechen. Möge ihnen Marias Vorbild als Inspiration dienen – um der kommenden Generationen willen.