[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #10/128
Als ihre ärgste Peinigerin im Orchester wieder einmal auf ihr herumhackte, sagte ich zu ihr, sie solle damit aufhören. Gerade als ich dachte, sie würde nun auf mich losgehen, kamen einige meiner Freunde zu Hilfe. Es braucht nur eine Person, die aufsteht und kämpft, denn ein Tyrann mag es nicht, wenn man ihn öffentlich herausfordert.
Das war eine frühe Erkenntnis, wie man sich gegen die Grausamkeit der Herdenmentalität zur Wehr setzt. Folgendes habe ich über Beliebtheit gelernt: Die Menschen mögen einen, wenn man ihnen gibt, was sie wollen. Die Frage ist: Ist es das, was man selbst will?
Das öffentliche Schulsystem von Toms River bot mir kostenlosen Musikunterricht, Programmierkurse und eine Teilnahme am Advanced Placement Program, dessen Kurse auf College-Niveau es mir ermöglichten, mich um eine Zulassung zu weiterführenden Eliteschulen zu bewerben – die Verheißung einer Zukunft, die versprach, dass man alles erreichen konnte, wenn man hart genug arbeitete. Als ich die Highschool abschloss, war ich drei Jahre lang Klassensprecherin gewesen und zur Schülerin mit den besten Karrierechancen gewählt worden. Da meine Eltern immerzu arbeiteten, verbrachte ich viel Zeit mit meinen Lehrern. Derjenige, der mir half, mich selbst zu finden, war Donald Spaulding, der Leiter der schulischen Sommerakademie für Streicher, ein stämmiger, aber flinker Mann mit Bart, der stets ein Lächeln auf den Lippen trug. Mr. Spaulding war nicht nur mein Geigenlehrer und Orchesterleiter; er half mir, bis zu acht verschiedene Instrumente zu lernen. Er förderte mich und andere wie mich: Kinder auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Er holte mich vom anderen Ende der Stadt ab, damit ich an Auftritten teilnehmen konnte. Wir spielten beim Sonntagsbrunch, im Ground Round, wo die Erdnussschalen auf dem Boden herumlagen, in unserem örtlichen Einkaufszentrum in Ocean County und im Six Flags Great Adventure, einem großen Abenteuerpark in New Jersey.
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Er trieb mich an, mich als Mensch und als Musiker zu verbessern. Keine Idee, die ich hatte, war zu weit hergeholt.
»Mr. Spaulding, wie wäre es, wenn wir ›The Devil Went Down to Georgia‹ spielten?«, fragte ich, nachdem ich ein Riff gehört hatte, das ich lernen wollte. Er überlegte kurz, nahm seine Geige heraus, holte leere Notenblätter hervor und begann, die Noten aufzuschreiben, damit ich folgen konnte.
»Warum nicht?«, lautete seine typische Antwort. Man soll sich immer für das Lernen entscheiden.
In Don Spauldings Umfeld erhielt man aber noch eine andere Lektion: dass niemand alleine etwas Bedeutendes erreichen kann. Das lernte ich im Orchester, in den Basketball- und Softballteams, bei den Theateraufführungen und in der Schülervertretung. Wie gut man als Teamplayer ist, hängt indes von den eigenen Fähigkeiten, dem eigenen Antrieb und der eigenen Ausdauer ab.
Ich liebte es, mich von der Musik mitreißen zu lassen. Ein Teil von mir lauschte und schwebte, ein anderer Teil zählte die Takte, beobachtete das Auf und Ab unserer Bögen, und ein dritter Teil war immer auf den Dirigenten konzentriert, bereit, ihm zu folgen und, als Konzertmeisterin, zu führen. Die Magie entstand, wenn die ganze Arbeit in den Hintergrund rückte und wir in der Musik lebten, die Töne spielten und gemeinsam Musik schufen. Um an diesen Punkt zu gelangen, waren viele Stunden des Übens erforderlich.
Später erkannte ich, dass ein Orchester die perfekte Metapher für eine funktionierende Demokratie ist: Die Musik gibt den Menschen die Noten, das System; aber wie man spielt, fühlt und folgt – und wie man führt –, das liegt ganz an einem selbst.
Um nicht als Nerd abgestempelt zu werden, trieb ich auch weiterhin Sport. Aber ich war ein totaler Nerd. Vor allem liebte ich Bücher, die mir alles erklärten, was andere Menschen nicht konnten – oder mir Fragen beantworteten, die ich nicht stellen konnte. Ich verschlang Liebesromane und Science-Fiction-Geschichten, die mich dazu anregten, mir andere Welten vorzustellen, etwa die von Isaac Asimov. Doch in erster Linie war ich vor allem eines: ein eingefleischter Trekkie.
Ich las sämtliche Star-Trek -Romanfassungen von James Blish und hatte zu Hause ein Regal, in dem ich sie sammelte. Die Bücher halfen mir, meinen eigenen Verstand zu begreifen. Manchmal war ich Captain Kirk, der Kommandeur, der auf seine Emotionen und sein Bauchgefühl hörte; manchmal war ich Mr. Spock, der logische Vulkanier, der Probleme dekonstruierte. Erst viel später erkannte ich, dass es sich dabei um zwei Seiten des Gehirns und der menschlichen Natur handelte – schnelles und langsames Denken, wie Daniel Kahneman es später formulierte. Wenn mich heute noch jemand fragt, wer meine Helden sind, verweise ich auf die Kombination von Mr. Spock und Captain Kirk: rationale, logische Analyse, ergänzt durch Empathie, Instinkt und Gefühle.
Erst später begriff ich, dass ich meine negativen Emotionen, etwa meine Wut, unterdrückte. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich eine Außenseiterin war, die zu verstehen versuchte, was vor sich ging, damit ich dazugehören könnte. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum die außerschulischen Aktivitäten, die ich wählte, irgendwie mit dem Land meiner Herkunft zu tun hatten. Ich spielte Basketball, die beliebteste Sportart auf den Philippinen, und trat der Schachmannschaft bei, weil dies irgendwo in meiner Erinnerung wichtige Teile einer Vergangenheit waren, in die ich nicht zurückkehren konnte und die ich noch nicht ganz verstanden hatte.
Als die Zeit für meine College-Bewerbung kam, traten manche dieser Gefühle offen zutage. In meinem Bewerbungsaufsatz schrieb ich, wie sehr ich es bedauerte, dass viele meiner Leistungen, vieles von dem, was ich geworden sei, lediglich widerspiegelten, was andere – Lehrer, meine Eltern – von mir erwarteten. Wenn es darauf ankam, schrieb ich glatte Einsen, aber trotzdem hatte ich stets das Gefühl, dass ein Teufel auf meiner Schulter saß, der mich dazu drängte, immer besser zu werden und noch mehr zu leisten, weitere Erfolge und Superlative anzuhäufen, weil ich andernfalls nicht dazugehörte.
Ich bewarb mich an 13 Colleges, darunter für sechsjährige Medizinstudiengänge, an Militärakademien und mehreren Elitehochschulen. Meine Eltern wollten, dass ich Ärztin würde. Ich dachte, ich brauchte Disziplin. Letztlich wusste ich nicht wirklich, wer ich war, aber tief in mir war ich überzeugt, dass ich etwas erreichen müsste. Etwas. Irgendetwas.
Ich wusste, dass dieser Drang in einem Gefühl der Unsicherheit wurzelte. Dennoch war ich pragmatisch. Auch wenn ich den Teufel auf meiner Schulter nicht verstand, wusste ich, dass es mir nur nutzen könnte, wenn ich lernte – und zwar über die normalen Schulbücher hinaus.
Ich dachte mir, man könne nichts falsch machen, wenn man sich fürs Lernen entschied.